Weingartner Musiktage revue passieren lassen: Nachberichte der Konzerte

Konzert im Gewächshaus
„Da Blechhauf’n“ glänzte mit exzellenter Blasmusik und umwerfender Komik – Auch das ist Teil des Konzepts der „Weingartner Musiktage“: Gruppen einzuladen, zu deren Auftritt ein gerüttelt Maß an Skurrilität gehört. Ein exzellenter Vertreter dieser Art ist „da Blechhauf’n“ aus Österreich, der mit seinem Programm „Die Wirtshausrunde“ im Gewächshaus der Firma Stärk zwei Stunden lang ein fulminantes Konzert zelebrierte. Die sieben Musiker – „vier aus dem Burgenland, zwei aus der Steiermark und ein Veganer“ – spielen alle brillant und sind akademisch geprüfte Musiker. Drei Trompeten, drei Posaunen, ein Helikon und gelegentlich eine Ziehharmonika bilden ein Ensemble, das vor nichts zurückschreckt. Den moderaten Einstieg gab eine böhmische Polka. Aber der Schwerpunkt des Programms war eine Mischung aus Geschichten in bester österreichscher Sprachfarbe, kombiniert mit gekonnter Theatralik und einem kräftigen Schuss Klamauk. Die Instrumente gehörten beständig dazu. Nur als leise Begleitung beispielsweise beim Zungenbrecher von der „Barbara ihrer Rhabarberbarbarabar“ oder in kräftiger Lautstärke, um etwas in Szene zu setzen. Es war nicht der einzige verbale Beitrag, vielmehr schillerte die Aufführung von Witzen, Reimen, Randbemerkungen und ähnlichem. Ein Höhepunkt war die titelgebende Szene am Wirtshaustisch. Als urkomische musikalische Pantomime wurde alles dargestellt, von der Bestellung Hähnchenkeule und Hirschbraten bis zur Rechnung, nur das Essen blieb der Vorstellungskraft der Besucher überlassen. Nach dem „Essen“ schlug die große Stunde des Trompeters und Tenorsängers Christoph Haider-Kroiss. Er begeisterte mit „Tiamo“, das dann irgendwann zu „Time to say goodbye“ wurde und mit „schön ist es auf der Welt zu sein“ endete. Sanft und gefühlvoll untermalten hier die schallgedämpften Instrumente. Echte Vollblutmusiker können alles spielen: Auf einem Gartenschlauch mit Trichter oder auf einer Melodica und sie können nebenbei sogar noch Bier trinken. Letzteres spielte bei dieser Gruppe eine nicht unwesentliche Rolle, vielmehr war es ein Bestandteil ihrer Show. „Ein Schiff wird kommen“ wurde intoniert, verwandelte sich in den Titelsong der „Titanic“, den der Posaunist Philipp Fellner in herausragender Komik zu verkörpern wusste und endete übergangslos bei den Beatles. Großartig schließlich war Fellners Jazzeinlage an der auch Dominic Pessl an der Trompete und Albert Wieder am Helikon beteiligt waren. Haider-Kroiss ist Jäger und so durften auch ein Jägermarsch und eine Jagdszene mit Hirschgeweih aus dem Karnevalsbedarf nicht fehlen. Ein französischer Walzer vollendete das Repertoire. Die Zuhörer waren begeistert. Technisch exzellentes Spiel verbunden mit unbeschreiblichem Entertainment ergab einen mehr als außergewöhnlichen Auftritt. Typisch für die Weingartner Musiktage.

Tuba & Harfe
Weingarten (ml). „Tuba und Harfe? Wie passt das denn zusammen?“ mag sich mancher über diese konzertante Verbindung gefragt haben, die als weiterer Beitrag der Weingartner Musiktage im Festsaal des Goldenen Löwen zu hören war. Mit einem Wort: hervorragend. Was aber zweifellos an den beiden Interpreten lag, beide Meister ihres Fachs. Der Tubist Andreas Martin Hofmeir gilt als wichtigster Pionier seines Instruments, wurde mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet und zum Professor an die Universität Mozarteum Salzburg berufen. Andreas Mildner ist Soloharfenist beim WDR Sinfonieorchester in Köln und Professor an der Musikhochschule Würzburg. Ihr Vortrag „Lieder und Arien für Tuba und Harfe“ sprühte nicht nur vor brillantem handwerklichem Können sondern auch vor Witz und augenzwinkernder Ironie. So gerieten Hofmeirs umfangreiche Erläuterungen der einzelnen Lieder und warum sie besser ohne Text interpretiert werden sollten, zu einem genialen Zerrspiegel der Gattung „Kunstlied“. Lieder von Franz Schubert und Robert Schumann wollten sie spielen, romantische Lieder. Die Tuba übernehme die Gesangsstimme, da sie aber nur eine Bandbreite von zwei Oktaven habe, habe er einen entspannten Abend vor sich, wogegen Herr Mildner den Part des Klaviers übernehme und sich am Eierschneider die Hände abarbeite. Das erste Thema sei die Liebe in allen Variationen. Es begann mit Schumanns Vertonung von „Der Nussbaum“. Mit verblüffender Zartheit und Feingefühl spielte Hofmeir die Tuba und nahm das Instrument an Lautstärke sehr zurück. Auch in den nachfolgenden Stücken war die Harmonie mit der Harfe perfekt, sie ergänzten sich zu einem ausgewogenen farbenfrohen Klangteppich. Es folgte Schumanns Vertonung von Lord Byrons düsterem Epos „An den Mond“, danach Franz Schubert mit Goethes „Gretchen am Spinnrad“: Aufs Beste brachten Tuba und Harfe diesen Schwebezustand zwischen Sehnsucht und Verzweiflung zur Geltung – „genderpolitisch korrekt in der Basslage“ sagte Hofmeir dazu – und einmal mehr war das Publikum begeistert und beeindruckt. Der zweite Teil galt der Oper. Nach einem sehr kunst- und gefühlvollen „Lied an den Abendstern“ aus Richard Wagners „Tannhäuser“ trat Mildner solistisch auf. Mit Bellinis Oper „Norma“ entlockte er der Harfe ein Klangvolumen in bislang nicht wahrgenommener Tiefe und Wärme, wofür er riesigen Beifall erhielt. Genialer Höhepunkt des Konzerts war schließlich eine Persiflage des bekannten „Carmen-Motivs“. So vielfältig, so witzig, so gekonnt verriet das Spiel der beiden Meister bei allen Unterschieden doch ein tiefes musikalisches Seelenverständnis, das sich in brillantem Zusammenspiel zeigte und mit minutenlangem Beifall belohnt wurde.

SWR New Talent
Weingarten (ml). In ihrer Reihe „New Talent“ beweisen die Organisatoren der „Weingartner Musiktage“ ja meist ein Goldhändchen. Dieses Mal ganz besonders. Er sei „dankbar, solche Momente erleben zu dürfen“, sagte Stefan Burkhardt, Vorsitzender der „Weingartner Musiktage“, zum Publikum zu Beginn des Konzerts und der prasselnde Applaus am Ende bestätigten seine Worte. Elin Kolev an der Violine und Fil Liotis am Klavier begeisterten im Festsaal des „Goldenen Löwen“ mit einem Konzert allererster Sahne. Es begann mit der Sonate in A-Dur von César Franck in vier Sätzen. Unendlich behutsam, zärtlich und ergreifend erklangen die ersten Töne, richtungsweisend für die enorme emotionale Kraft der folgenden Musikstücke und die Ausdrucksstärke der Vortragenden. Elin Kolev, 1996 geboren in Zwickau, gab bereits als Siebenjähriger sein erstes Konzert mit Orchester, begann in 2010 ein Musikstudium in Karlsruhe, steht jetzt kurz vor dem Abschlussexamen und hat bereits internationale Erfahrungen. Der Grieche Fil Liotis, 1984 geboren, studierte ebenfalls in Karlsruhe Klavier solo und hat seit 2016 dort einen Lehrauftrag. Auch er ist seit Jahren international bekannt. Mit einem bewegenden Seufzer der Violine endete der erste Satz in Allegretto ben moderato. Das insgesamt sehr farbenreiche Stück César Francks brachte viele Variationen in Tempo und Temperament, Passagen in zartestem Pianissimo wechselten mit wilden Fontänen exaltierten Spiels, stark aber niemals schrill. Es folgte Johannes Brahms mit dem Scherzo für Violine und Klavier in c-Moll und danach eine Sonate in f-Moll von George Enescu. Eine völlig veränderte Klangfarbe schuf nun eine etwas düstere Atmosphäre, die sich in den beiden ersten Sätzen zu dramatischer Spannung entwickelte und erst im dritten Satz in einem furiosen Finale auflöste. Emotionaler und positiver Höhepunkt des Konzerts war Henryk Wieniawskis „Polonaise de Concert Opus 4 in D-Dur“. Sind Stücke in der Tonart Dur ganz allgemein wesentlich freundlicher, so war dieses jetzt bemerkenswert in Spielfreude und nahezu übermütiger Ausgelassenheit. Der Komponist konnte den slawischen Einfluss seiner polnischen Heimat überzeugend vermitteln. Weg mit dem Notenständer, er wurde nicht mehr gebraucht. Jetzt regierten bei den beiden Künstlern pure Lust und Freude an dem schnellen, tänzerischen Stück. Die Zuhörer, die nach jedem Stück sehr gerne Beifall spendeten, waren hingerissen vor Begeisterung und noch mehr, als dieses Stück – jetzt „auf polnische Art“ – noch zu einer zweiten Zugabe gereicht wurde. Das Konzert wurde vom SWR2 aufgezeichnet und ist am 11. Dezember ab 13.05 Uhr zu hören.

Texte: Marianne Lother
Bild: Symbolbild, Pixabay