Weingartner Musiktage gestartet

Die Turmbergrundschau berichtet über das erste Wochenende des Musikfestivals

Free Jazz mit „Three Fall“ im Gewächshaus

Ein Jahr vor dem 40. Geburtstag präsentieren sich die Weingartner Musiktage immer noch  jung und innovativ, aber auch anspruchsvoll und hochkarätig. „Wir laden junge und außergewöhnlich begabte Künstler ein“, erklärte Thomas Jehle. Er und Stefan Burkhardt sind seit einigen Jahren gemeinsam Vorstandsvorsitzende und Produktionsleiter der Veranstaltung. Künstlerischer Leiter ist Prof. Reinhold Friedrich, der das Festival seinerzeit gegründet hatte. Die Möglichkeit für ein musikliebendes und aufgeschlossenes Publikum, Musiker aus nächster Nähe für wenig Geld erleben zu können, die manchmal nur wenige Jahre später in den großen Konzertsälen der Welt auftreten, ist für Weingarten ein Highlight, das seinesgleichen sucht. Möglich wird das durch ein über zehnjähriges Sponsoring der Stiftung Kunst und Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg und zahlreicher weiterer Sponsoren. „Die Musiktage sind seit vielen Jahren zu einem herausragenden Kulturereignis in Weingarten, der Region und weit darüber hinaus gereift. Wir sind glücklich, ein weiteres Mal Gastgebergemeinde für das Festival sein zu dürfen, zu dem sich junge Musikerinnen und Musiker aus den verschiedensten Ländern einfinden werden. „‘Das Beste für viele‘ zu bieten, ist das Ziel dieses engagierten Vereins“, schreibt Bürgermeister Eric Bänziger in seinem Grußwort.

Spezielle Veranstaltungsorte machen den Reiz

Ein Merkmal dieses Konzepts sind auch die speziellen Veranstaltungsorte, die auf die Besucher stets einen besonderen Reiz ausüben. „Ich komme immer wieder gern in dieses tolle Gewächshaus“, sagt Konzertbesucherin Sylvia Fritz. Seit etlichen Jahren stellen Petra und Roland Stärk ihr Gewächshaus als Konzertsaal zur Verfügung und dafür erhielten sie beim Eröffnungskonzert mehrfach dankbaren Beifall.

„Der Jugend gehört die Zukunft“, sagen Burkhardt und Jehle im Vorwort des Programms. „Die Weingartner Musiktage geben jungen Musikerinnen und Musikern die Möglichkeit, ihre musikalischen Vorstellungen und Interpretationen auszuleben und sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.“

Musikalische Vorstellungen ausleben

Genau das geschah beim Eröffnungskonzert: Vorstellungen und Interpretationen auszuleben.

Das Trio „Three Fall“ gehört zu den innovativsten Blüten des jungen deutschen Jazz. Lutz Streun spielt Bassklarinette und Tenorsaxophon, Sebastian Winne Schlagzeug und Percussion, Til Schneider die Posaune. Ein Bass ist nicht dabei. Damit haben sie bereits auf fast allen großen deutschen Jazzfestivals mit Jazz, Funk und Hiphop für Furore gesorgt. Jetzt kam ein viertes Element dazu. Die kongolesisch-deutsche Sängerin Melane bringt eine neue Farbe in den Sound. Ihre Stimme ist kraftvoll und samtig zugleich. Sie ist eine Bereicherung für die Band, denn mit ihr kommen jetzt Soul, Raggae und Afrobeat ins Repertoire. Das Konzert, das das vierte Album „Four“ von „Three Fall“ behandelte, begann wie eine Flug im Raumschiff. Noch ohne Sängerin produzierten die beiden Bläser Klänge, Töne und Geräusche, die, elektronisch verstärkt und teilweise auch verändert, keiner Gattung und keinem Rhythmus zuordenbar waren. „Toll, was man mit Elektronik alles machen kann“, sagte Wolfgang Hill, selbst Bläser im Musikverein, dazu.

Sängerin Melane ist eine Bereicherung

Melane sprach das Publikum an. Sie erklärte, ihr nächster Song sei ihrem Vater gewidmet, der überraschend verstorben sei: „Wir dürfen nicht aufhören, über die Menschen zu sprechen, die nicht mehr bei uns sind.“ In ihrer Muttersprache Lingala sang sie in der Bedeutung von „Vater im Himmel“ das Lied „Tata Na Lola“. Ihre Stimme war eine wunderbare emotionale Ergänzung zu den kantigen und rauen Instrumentalvorträgen, denn jetzt war auch Raum für weiche und sanfte Töne. Im Schlusslied „Elevation of Love“ zeigte sich die Band von ihrer stärksten lyrischen Seite. Dazwischen lagen die Songs „Thank you“, eine lockere und entspannte Soul-Nummer. Ein Höhepunkt war der elektronisch bearbeitete Reggae „Silver & Gold“, den Melane sehr gefühlvoll und geschmeidig tänzerisch darstellte. Die drei Instrumentalisten hatten Spaß daran, die Grenzen ihrer Instrumente auszuloten, wobei natürlich nichts Zufälliges dabei war, sondern es waren durchdachte und komponierte Arrangements. Das Album ist eine explosive, lyrische, seelenvolle und sogar tanzbare Reise. Weitere Titel waren „Thank You“ und „Mòto Pamba“, ein Lied, das von einer langen Freundschaft handelt. Leidenschaft, Hingabe und Engagement der Musiker und ihrer Sängerin waren unüberhörbar und das Publikum wusste den Auftritt mit lang anhaltendem Beifall zu würdigen.

Zweites Konzert der Musiktage Junger Künstler

Bei den Weingartner Musiktagen Junger Künstler  „muss nicht alles Klassik sein, aber alles muss „klasse“ sein“, meint Vorstandsmitglied Stefan Burkhardt. So war es. Auf Jazz am Samstagabend folgte Brassmusik in allen Spielarten am Sonntagmorgen. Die österreichische Formation „Da Blechhauf’n“, bereits zum zweiten Mal dabei, begeisterte mit einem wilden und musikalisch erstklassigen Best-of-Programm. Sieben Männer tourten und alberten sich mit drei Trompeten, drei Posaunen und einem Helion durch eine Reise über 20 Jahre in zwei Stunden. In einem mitreißenden Rhythmus hob der „dreamliner“ ab. Über den Wolken war Zeit zum Träumen mit getragenen Melodien und einem langsamen Jodler. Denn die sieben vom „Blechhauf’n“ singen auch, sie tanzen und haben vor allem eine tolle Bühnenpräsenz. Sie spielen technisch exzellen und zeigen ein witziges, schräges und lärmendes Vollblut-Entertainment. Christian Wieder, Kopf der Truppe, schreibt die humoristischen und manchmal auch etwas derben Einlagen. Zum Beispiel eine „Statistik über 20 Jahre Blechhauf‘n“. Das seien 1463 Konzerte, 800 000 Kilometer Reisen, der Verzehr von 366 Kilogramm Fleisch pro Kopf und 25 Badewannen voll Speichelkondensat aus den Blasinstrumenten, was er sofort sehr anschaulich demonstrierte. Das alte Auto will nicht starten, muss erst in bester Comedymanier angekurbelt werden. Als es endlich fährt, wird es schneller und schneller, bis die Polizei die Fahrt stoppt. Albert Wieder am Helikon und Philipp Fellner an der Posaune malten die passenden Geräusche. Es folgte ein längerer Verschnitt von englischen Hits, deutschen Schlagern, Chansons und Schnulzen, was die musikalische Klasse des „Blechhaufens“ erneut unter Beweis stellte. Jeder Einzelne trat mehrfach solistisch in den Vordergrund und wurde vom Publikum lautstark bejubelt. „Nach dem Konzert“ verbringen zwei des Ensembles die Nacht auf den Stühlen, aber am anderen Morgen geht die Sonne auf: „Freude schöner Götterfunken“ erklingt es in voller Phonstärke und von schrummelig bis schrill. Der zweite Teil begann mit romantischer Filmmusik, eröffnet von Christian Wieder an der Piccolotrompete und Reinhold Bieber an der Posaune. Mit einem „Walzer im alpenländischen Stil“ und dem Schlager „Regentropfen, die an dein Fenster klopfen“ endete das Programm in einem mitreißenden Viervierteltakt, bei dem noch einmal alle Register gezogen wurden. Das Publikum hielt es vor Begeisterung und Anerkennung nicht mehr auf den Stühlen. Mit zweieinhalb Stunden Konzert und Comedy vom Feinsten hatte die Band alles gegeben und ihren Applaus wohl verdient.

Bericht: Marianne Lother
Bild: MeinOrt