Herzlichkeit auf Katalanisch – ein Reisebericht über Olesa de Montserrat

Bereits zum zweiten Mal hat das Partnerschaftskomitee dieses Jahr gemeinsam mit interessierten Weingartnern unserer Partnergemeinde in Olesa de Montserrat einen Besuch abgestattet. Höhepunkt war die „Festa dels Miquelets“. Dieses Mal waren viele zum ersten Mal mit dabei, unter anderem Vanessa Graf und Maximilian Mayer von MeinOrt Weingarten. Ihre Eindrücke haben sie in einem kleinen Reisetagebuch festgehalten:

Dieser Moment, wenn du am Freitagabend alleine in eine Bar gehst – es aber okay ist, weil du dort sowieso jemanden kennst. Passiert vielleicht in Weingarten- im Schlingel – an Weihnachten. Oder eben in Olesa. Nach zwei Tagen in der Kleinstadt in der spanischen Region Katalonien fühlt man sich tatsächlich wie zuhause. Durch die Straßen schlendern, Bekannte im Café grüßen, in die Lieblingsbar gehen und ein „Cerveza“ bestellen. Auch, wenn das das einzige Wort ist, das man auf Spanisch beherrscht. Beziehungsweise auf Katalanisch natürlich.

Hola, amics! – Hallo, Freunde!

Am Donnerstag, dem Tag der Ankunft in unserer Partnerstadt, passiert etwas mysteriöses und durchaus seltenes: Es regnet. Inklusive Blitz, Donner und einem nicht enden wollenden katalanischen Unwetter. Fast schon ein Grund, trotz Urlaubsfeeling schlechte Laune zu bekommen. Aber nicht mit Olesa! Drei Olesaner stehen vor dem Bus und empfangen uns mit einer Handvoll Regenschirme. Schnell rein ins trockene Rathaus! Dort dann: Begrüßung, Umarmungen, Küsschen links, Küsschen rechts. Hola, wir kennen uns doch noch gar nicht. Egal! Wer aus Weingarten kommt, gehört hier sofort zur Familie. Denn hier sind alle „amics“. Das merken wir auch sofort beim gemeinsamen Abendessen und dem ersten Frühstück in der Gastfamilie. Wir wohnen bei der 80-jährigen Rosina und ihrer Tochter Luisa im Haus. Das Frühstück: Typisch für Katalonien Baguette mit Tomate und Olivenöl, dazu Schinken und „fuet“ = spanische Salami. Ein Gefühl wie zu Besuch bei Oma.

Vámonos!

Freitags ging es nach dem Frühstück direkt mit dem Zug und anschließend mit der Zahnradbahn hoch auf den Montserrat. Den „heiligen“ Berg der Katalanen bei Olesa. Wie unsere Gastoma erzählt, versprechen sich die Einwohner von dem Besuch auf dem Berg tatsächlich eine heilende Wirkung. Der Glaube an diesen Ort ist groß. Oben angekommen ist zunächst die Aussicht beeindruckend. Bei gutem Wetter kann man von den rund 720 Metern Höhe aus bis nach Barcelona schauen. Sonntags gibt es auf den Aussichtsplattformen und im Klosterhof kaum ein freies Plätzchen – die Touristen zieht es Reisebus-weise hier hoch. Wochentags ist es ruhiger. Genug Zeit also, das Kloster auf sich wirken zu lassen und der heiligen Madonna einen Besuch abzustatten. Die Führung ist auf Deutsch: Reiseführer und Vorsitzender des Partnerschaftskomitees, Siegbert Kolar, spricht mit Begeisterung über die katalanische Geschichte und hat immer die ein oder andere Anekdote aus seinen unzähligen Besuchen in Olesa parat.

La Festa dels Miquelets

Gut, dass der Ausflug auf den Montserrat bereits abgehakt ist – denn am Samstag wäre dafür ohnehin keine Zeit. Die „Festa dels Miquelets“ bringt uns Programmpunkt für Programmpunkt näher an die Geschichte von Olesa und von ganz Katalonien. Kurz vorm Nationalfeiertag am 11. September erinnern die Katalanen hier ein ganzes Wochenende lang an das Ende des Erbfolge-Kriegs im Jahr 1714. Kurz gefasst: In diesem Jahr verlor Barcelona und somit Katalonien seine Unabhängigkeit. Die „Miquelets“ waren eine Sondereinheit von Soldaten, die versuchten das umzingelte Barcelona zu befreien. Seitdem kämpft Katalonien für die erneute Unabhängigkeit. Ein emotionales und wichtiges Thema bei den Menschen hier – das wird schnell klar. Beim offiziellen Teil der Feier vor der Kirche im Zentrum der Altstadt überfällt den ein oder anderen trotz knapp 30 Grad eine Gänsehaut: Wenn mehre Hundert Menschen gemeinsam die Hymne Kataloniens singen. Salutschüsse für die 158 gefallenen Soldaten reißen uns aus den Gedanken: Die stilecht verkleideten „Miquelets“ spielen mit originalgetreuen Gewehren bewaffnet und teilweise auf Pferden reitend, die Schlacht aus dem 18. Jahrhundert nach. Dank Presseausweis und Kamera erleben wir das Spektakel aus der ersten Reihe. Ein Erzähler informiert über die Geschehnisse auf dem „Schlachtfeld“, einem Stück Wiese am Rande der Altstadt. Zugegeben, wer kein Katalanisch spricht, hat hier schlechte Karten mitzukommen. In unserer Reisegruppe finden sich aber genug Englisch-, Deutsch-, Katalanisch- und Spanisch-sprechende Teilnehmer, die fleißig übersetzen. Mit Mittelaltermarkt, Tänzen, Showeinlagen, Spielen und Kunsthandwerkern lässt es sich auf der „Festa dels Miquelets“ locker mehrere Stunden aushalten. Der krönende Abschluss: Das offizielle Abendessen mit mehreren hundert Menschen gemeinsam auf dem Festplatz. Bühne und Livemusik inklusive. Ganz traditionell wird mittelalterliche Musik gespielt und gemeinsam getanzt. Auch Anfänger sind auf der Tanzfläche herzlich Willkommen.

Dues cerveses, si us plau. – Zwei Bier, bitte.

Kommen wir zurück zum Anfang. Wer bei der Überschrift gerade verwirrt war: Auf Spanisch heißt es „dos cervezas, por favor“ –  das stimmt. Wird auch in Olesa verstanden. Wer aber in Oelsa katalanisch spricht, macht sich gleich doppelt so viele Freunde. Wichtige Vokabeln für „la festa“: la cerveza = das Bier / la clara = das Radler / el vi negre = der Rotwein / el vi blanc = der Weißwein. Snacks und Getränke sind hier übrigens meistens viel günstiger als bei uns. Soviel zur Theorie. Fast jeden Abend geht es gemeinsam in die „Equilibri“- Bar. Nach ein paar Gläsern Gin Tonic übrigens nicht mehr so leicht auszusprechen. Wenn die 80-jährige Gastoma härter feiern kann als manche deiner Freunde, dann ist eigentlich alles zum Thema Partymachen in Olesa gesagt, oder?!

Freizeit – el temps lluire

Nach ein paar Mojitos, definitiv mehr als den täglich empfohlenen 10.000 Schritten und bei 25 bis 30 Grad sehnt sich der ein oder andere nach Entspannung und Abkühlung. Barcelona und das Meer sind nur 45 Minuten mit dem Zug entfernt. Wem das zu weit ist, geht ins „piscina“ vor Ort. Ein wunderschönes Schwimmbad mit ringsherum freiem Blick auf die Berge. Im September hat man das Becken quasi für sich alleine, die relativ teuren 7 Euro Eintritt am Sonntag lohnen sich definitiv. Für sportliche Menschen gibt es auch genug Möglichkeiten: Wandern oder mit dem Rad den Montserrat hochfahren zum Beispiel (soll Leute geben, die so was machen – die Seilbahn ist aber auch ok). Wer möchte, kann seine Freizeit ganz gemütlich verbringen und seine Ruhe haben. Oder man schließt sich mit anderen Weingartnern und Olesanern zusammen und erkundet die Gegend gemeinsam. Übrigens: Entgegen der Erwartungen sind längst nicht alle Teilnehmer Ü60 – eine gute Mischung verschiedenster Menschen macht diese Reise erst interessant. Und wir lernen Prinzessinnen, Heilpraktikerinnen, Studenten, Manager und Senioren aus dem eigenen Ort kennen, die wir so nie getroffen hätten.

Adeu, amics. Fins a la próxima. – Tschüss, Freunde. Bis zum nächsten Mal.

Nach vier Tagen voller Kultur, fiesta, guten Gesprächen und vielem vielem (sehr gutem) Essen geht es zurück zum Flughafen. Nächstes Mal wollen wir uns auf jeden Fall auch in Barcelona und den umliegenden Kleinstädten am Meer umsehen. Achso, ja. Das nächste Mal, also. Für uns steht fest: Wir kommen wieder. Zum einen schon aus dem Grund, weil wir jetzt eine katalanische Oma, also „jaja“ haben, die wir regelmäßig besuchen wollen. Nächstes Jahr wollen Rosina und Luisa auf jeden Fall zum Oktoberfest nach Weingarten kommen. Ein Glück haben wir ein Gästezimmer. Also: Fins a la próxima! [Vanessa Graf]

___________________________________________________________________________

Weitere Eindrücke von Olesa de Montserrat gibt es in Video- und Bildform unter www.meinort-weingarten.de oder in den sozialen Medien von MeinOrt Weingarten. Facebook und Instagram: meinortweingarten

Den Bericht findet Ihr auch ab dem 20.09. in den lokalen Zeitungen von Weingarten (Baden).

Wer auch Lust bekommen hat auf spanisch-katalanische Herzlichkeit, kann sich bei Siegbert Kolar informieren: siegbert.kolar@gmail.com