Amphibien retten in Weingarten

Amphibienretter-Team im Einsatz: In Weingarten beginnen Kröten, Molche und Co. mit am frühesten im Landkreis Karlsruhe ihre Wanderung zu den Laichplätzen und wieder zurück. Mehrere Tausend Tiere retten die Freiwilligen hier in einer Saison, insbesondere an der vielbefahrenen B3 zwischen Waldgebiet und Weingartner Moor. Respekt für diesen Einsatz!

Es gibt zwar Vorrichtungen wie die Krötentunnel, aber die gesamte Strecke ist noch längst nicht sicher für die Amphibien. Bereits im Frühjahr 2020 haben wir einen der Hauptverantwortlichen, Hans-Martin Flinspach, Ökologe aus Weingarten, bei einer seiner Schichten begleitet. Hier findet Ihr nochmal das Video dazu auf unserem Youtube-Kanal: https://www.youtube.com/watch?v=SFCWPIirC_o 

Heute möchten wir Euch zwei weitere Teammitglieder vorstellen: Silvia Kuhnmünch und Bettina Volpe Freiwald berichten, warum sie sich im Amphibienschutz einsetzen.

Nachfolgend findet Ihr das Interview mit Silvia und Bettina:


1) Wer bist Du? Was machst Du gerne in Deiner Freizeit? Bitte stell Dich kurz vor.
Silvia: Ich heiße Silvia Kuhnmünch, bin 54 Jahre, seit Mitte 2008 wohne ich in Weingarten, arbeite als Chemisch Technische Assistentin und ich fotografiere, backe und koche gerne. Und seit neustem natürlich auf “Fröschejagd” gehen.🐸

Bettina: Ich bin Bettina Volpe Freiwald, 61 Jahre alt, wohne in Ubstadt-Weiher, bin Tierärztin, lebe vegan, bin auch im Vogelschutz aktiv für das Komitee gegen den Vogelmord, in Bonn, habe selbst zwei Hunde, Katze und Schildkröte,  ansonsten mache ich viel Sport (Walken, Wandern, Fitness) und liebe Opernmusik und Filme.

2) Wie bist Du zum Thema “Amphibienrettung” gekommen? Wie lange bist Du schon dabei?
Silvia: Ich wurde Ende 2020 durch einen Facebookaufruf von Caroline von Dahl in der “Weingarten(Baden) Forum”-Gruppe aufmerksam. Ich hab nicht lange gefackelt, mich direkt bei Caroline gemeldet und meine Hilfe angeboten. Und noch nicht bereut.👍

Bettina: Ich kam über eine Anzeige oder Aushang in Weingarten dazu, als ich noch dort wohnte, bin seit 2011 dabei.

Hier findet Ihr eine Bildergalerie von Bettina:

3) Was wusstest Du vorher schon zum Thema? Was hast Du dazu gelernt?
Bettina: 
Als ich damals anfing, wusste ich so gut wie gar nichts darüber und habe seitdem viel gelernt über die verschiedenen Frosch-, Kröten- und Molcharten und deren Verhaltensweisen und Wanderungen.

Silvia: Ehrlich gesagt, wusste ich nicht allzu viel über das Thema. Mir war anfangs nicht bewusst, dass nicht nur Frösche oder Kröten wandern, sondern auch Molche und Feuersalamander. Ich wusste auch nicht, dass die Amphibien ihrer Art nach spezifisch gezählt werden. Ja, ich dachte tatsächlich,  ab in den Eimer, zählen, rübertragen, abladen und gut ist. 😅 Genauso wenig wusste ich nichts von der Rückwanderung nach dem Ablaichen, aber eigentlich logisch, denn das kommende Jahr laufen sie ja wieder aus der gleichen Richtung los. 😄 Somit beginnen wir mit der Rettung ab Januar, diese Saison schon die letzte Woche im Dezember, sobald der Zaun von Mitarbeitern der Gemeinde aufgestellt wurde und laufen bis ca. Pfingsten,  um auch den letzten Nachzügler sicher über die B3 Richtung Wald zu tragen.
Und ich gebe es zu, als mir der erste Grasfrosch vor die Füße gehopst ist, war ich mir nicht sicher, ob es sich nicht doch um eine Kröte handelt. Mittlerweile kann ich sie unterscheiden, denn Kröten durfte ich auch schon retten. Die Unterscheidung zwischen Gras- und Springfrosch war anfangs allerdings etwas schwieriger, da sie sich hauptsächlich an ihrer Maulform unterscheiden lassen. Ansonsten sehen sie von ihrer bräunlichen Farbe und Muster fast identisch aus. Und ja, ich dachte auch, dass Grasfrösche eigentlich nur quietschgrün sein können. Weit gefehlt. 😄

Hier findet Ihr eine Bildergalerie von Silvia:

4) Wie sieht eine typische Schicht aus?
Bettina:  Wir treffen uns bei Anbruch der Dunkelheit vor Ort, mit wetterfester Kleidung, rutschfesten Schuhen und mit Warnweste, Lampe und Eimer ausgestattet, laufen allein oder zu zweit die Strecke ab, sammeln so viele Tiere wie möglich und bringen sie über die B3 auf die andere Straßenseite. Das kann je nach Wanderungsaufkommen mehrere Stunden dauern, zählen die Tiere und tragen am Ende die Ergebnisse in eine Liste ein.

Silvia: Wir laufen täglich mit zwei Schichten am Abend. Die Frühschicht fängt somit nach Eintreten der Dunkelheit an. Die Spätschicht läuft dann ca. 2 Stunden später los. In unserem Schichtplan stehen die ungefähren Uhrzeiten für die jeweiligen Monate. Gegen Ende der Saison dauert es ja bekanntlich länger, bis es dunkel wird und es reicht, wenn nur eine Schicht geht.  Da kann man sich absprechen.
Am Startpunkt Ortsausgang Weingarten Richtung Grötzingen steht eine orangene Kiste, in der alles verstaut ist, was wir brauchen. Darin befinden sich die Listen zum Ausfüllen, Lampen zum Umhängen, Warnwesten, Thermometer und Eimer.
Zu Beginn füllt man die Liste mit Beginn der Schicht, Tag, Datum, Name, Bodenbeschaffenheit und Temperatur aus, stattet sich mit Warnweste, Eimer und Lampe aus und schon gehts los Richtung Grötzingen am kleinen Zaun entlang. Kleiner Tipp was die Lampe angeht, am besten benutzt man eine Stirnlampe, dann hat man die Hände zum Einfangen frei. Man läuft an der B3, teilweise auch auf L-Steinen, entlang bis zum Parkplatz, dreht um und läuft dieselbe Strecke wieder zurück, wenn die Amphibien noch in Richtung Moor laufen. Wenn sich welche schon wieder auf dem Rückweg befinden und der Zaun auf der anderen Straßenseite aufgestellt wurde, überquert man die B3 und läuft dort zurück.

Es gab allerdings auch Tage, an denen bis zum Gut Werrabronn gelaufen wurde, da an diesem Abend ein großer Andrang herrschte.  Tatsächlich wurden letztes Jahr an einem Abend über 1300 Tiere gerettet. Die eingesammelten Amphibien werden entweder zum Moor- bzw. Waldrand getragen, eventuell noch ein Shooting gemacht und abgesetzt.

Zum Schluss trägt man das Ende der Schicht und die Anzahl der gefundenen Tiere oder Null, wenn nix los war, in die Liste ein, verstaut Eimer, Weste und Lampe und geht dann nach ca. 1 – 1,5 Stunden wieder nach Hause. Bei uns sind die Schichten so aufgeteilt, dass man einmal in der Woche eine Schicht läuft. Manche laufen alleine, manche mit mehreren. Es kommt allerdings noch eine Schicht am Morgen hinzu, wenn die Rückwanderung anfängt. Am Ende der Strecke, an dem sich auch der Zaun befindet, werden 5 oder 6 Kästen aufgebaut, die morgens abgesucht werden müssen.

5) Was begeistert Dich an diesem Ehrenamt, warum machst Du das?
Bettina:  Ich liebe alle Tiere und die Amphibien faszinieren mich besonders. Es macht Spaß mit Gleichgesinnten diesen tollen Tiere zu helfen zu überleben. Außerdem tut es gut, sich in der frischen Abendluft zu bewegen und dabei etwas Sinnvolles zu tun. Es ist für mich immer wieder ein wunderbares Gefühl, Tiere vor dem sicheren Tod zu retten, ihnen ein artgerechtes Leben zu schenken und zum Erhalt  dieser wichtigen Arten beizutragen.

Silvia: Mir sind schon vor vielen Jahren die Lichter an den Straßenrändern aufgefallen und ich fand das schon immer eine gute Sache, hab es aber nie wirklich weiter verfolgt. Als ich dann Caroline’s Aufruf auf Facebook gelesen hatte, war für mich schnell klar, dass ich dabei sein muss.
Ich liebe die Tiere und die Natur, fotografiere gerne und sah die wundervolle Gelegenheit gekommen, meinen kleinen Beitrag für die Umwelt zu leisten. Gleichzeitig tue ich auch mir was Gutes, indem ich mich an der frischen Luft bewege und bekomme sogar ab und zu richtig tolle Models vor die Linse. Ich bin immer noch über jedes Tierchen entzückt und begeistert, begrüße jedes mit einem freundlichen “Hallo mein Kleiner, wie gehts?” bevor ich sie einsammle oder auch fotografiere.

Anfangs habe ich ihnen noch etwas vorgesungen, aber nachdem sich kaum noch einer hat blicken lassen,  bin ich zum Summen übergegangen, denn durch die Ausgangssperre Anfang 2021 gab es nur mich und die kleinen Racker. 😅 Mittlerweile kenne ich die Unterschiede zwischen Spring- und Grasfröschen, männlichen und weiblichen Kröten und seit kurzem durfte ich sogar einem Bergmolch einen VIP Transfer zukommen lassen.
Jetzt warte ich gespannt auf meinen ersten Feuersalamander. Das wäre dann eines meiner persönlichen Highlights 2022. 👍😎

6) Ihr sucht immer wieder weitere Freiwillige. Wer kann mitmachen?
Silvia: Im Prinzip kann jeder mitmachen, der kein Problem damit hat auch bei Regen und Kälte im Dunkeln zu laufen, der gerne mal ne Stunde unterwegs ist und kein IIIh-Gefühl beim Anblick eines Frosches oder Kröte bekommt. 😄
Etwas trittsicher sollte man auch sein, denn der Weg ist manchmal recht glitschig. Gutes Schuhwerk sollte man von daher haben und bei Regenwetter sind Gummistiefel sehr hilfreich.
Wir sind deshalb auf der Suche nach Freiwilligen, da manche Schichten nur mit einer Person besetzt sind und es an manchen Tagen zu zweit einfacher ist, wenn mal wieder ein großer Ansturm kommt. Außerdem machts zu zweit einfach doppelt so viel Spaß.😏
Und für die Schicht am Morgen, wenn die Rückwanderung beginnt, wäre es prima, wenn wir Unterstützung bekämen. Im Moment macht das hauptsächlich nur eine Person und das über mehrere Wochen. Für Berufstätige leider ungünstig mitzuhelfen, aber vielleicht gibt es ja Freiwillige, die auch morgens können. Das wäre für uns eine große Hilfe.  🙏

Bettina:  Es kann jeder mitmachen, der gut zu Fuß ist, gute Augen hat, keine Scheu hat, Frösche und Kröten anzufassen, der bei jedem Wetter gern unterwegs ist, der Tiere liebt und gern im Team arbeitet und natürlich jeder, dem der Artenschutz am Herzen liegt. Schön finde ich es auch immer, wenn man Kinder und Jugendliche dafür begeistern kann.

7) Was erwartet freiwillige Helferinnen und Helfer in Eurem Team?
Bettina: Ein engagiertes, fröhliches und zuverlässiges Team, wo auch oft mal der eine für den anderen einspringt, eine liebevolle informative WhatsApp-Infogruppe, ein jährliches Treffen zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch und immer spannende Einsätze und berührende Begegnungen mit den Tieren.

Silvia: Wir stehen über eine WhatsApp-Gruppe in Kontakt, falls jemand mal nicht kann oder tauschen möchte. Und natürlich kann man immer Fragen stellen, wie z.B. ob ich nun einen Teich- oder Bergmolch gerettet habe. 😅 Uns interessiert auch, wieviel die anderen Schichten eingesammelt haben, teilen Bilder und tauschen Erfahrungen aus. Alle sind sehr nett, hilfsbereit und man wird toll unterstützt.
Leider konnten wir uns, seit ich dabei bin, coronabedingt erst einmal zu einem gemütlichen Helferfest treffen. Leider fiel ein Treffen mit den Amphibienrettern aus Grötzingen wegen Corona aus. Ich hoffe sehr, dass wir es dieses Jahr nachholen können.

8) Warum ist die Amphibienrettung so wichtig?
Silvia: Ist heutzutage nicht jeder Erhalt einer Spezies wichtig?
Und der Feuersalamander steht ja auch unter Naturschutz und sollte bei Sichtungen dem Naturschutzbund Deutschland, kurz NABU, z.B. mit der App “Meine Umwelt”, gemeldet werden. Wenn es geht, auch mit Foto. Hier noch ein Zitat von Herrn Johannes Enssle, Vorsitzender des NABU Baden-Württemberg vom Februar 2021
“Die Bestände von dreizehn der 18 heimischen Amphibienarten sind in stetigem Rückgang begriffen. Amphibienschutz ist heute wichtiger denn je.” Dem kann ich nichts mehr hinzufügen. 👍

Bettina: Es ist natürlich wichtig, alle unsere Wildtiere zu schützen, aber hier kann man konkret selbst etwas tun. Leider kreuzen viele Schnelltrassen die Jahrtausende alten Wanderrouten unserer Amphibien…ohne die Zaunvorrichtungen, Sammelaktionen und die ehrenamtlichen Helfer/innen würden diese Arten tatsächlich aussterben.

8) Gibt es sonst noch etwas, das Du gerne sagen möchtest?
Bettina: Ich fände es toll und wichtig, wenn die Medien öfter mal über das Thema berichten, damit sich mehr Menschen für die Amphibien interessieren und begeistern können, vor allem der Nachwuchs, damit dieses wertvolle Ehrenamt auch in Zukunft weitergeführt wird.

Silvia: Ich würde mich sehr freuen, wenn wir durch dieses Interview das Thema Amphibienschutz etwas bekannter machen und sich dadurch manche überlegen, vielleicht auch mitzuhelfen.
Reinschnuppern kann man natürlich auch. Es gibt ja nicht nur in Weingarten dieses Ehrenamt, sondern auch in vielen Regionen und Gemeinden. Wer sich genauer informieren möchte, welche Gemeinden und Gruppen es in seiner Region gibt, kann sich auf der NABU Homepage informieren.  Hier findet man in der Schutzzaun-Datenbank alles aufgelistet.


Wir bedanken uns ganz herzlich bei Silvia und Bettina für die Einblicke in dieses besondere und wichtige Ehrenamt! 

Du hast Fragen oder möchtest selbst mitmachen? Hier findest Du die Kontaktdaten von Hans-Martin Flinspach, Amphibienschutz in Weingarten: flinspach-weingarten@web.de

Bericht: MeinOrt, Fotos und Interview: Bettina Volpe Freiwald und Silvia Kuhnmünch