Abschied vom “Anderen Keller”

Ein Bericht aus der TBR: 

Als Annerose Stöckle am Samstag, dem 13. April, im „anderen keller“ die Musizierenden Stephan C. und Anastasia Thomas und Ingo Richter begrüßte, hat sie das voraussichtlich zum letzten Mal an diesem Ort getan. Denn nach 32 Jahren schließt der „andere keller“ auf eine nicht absehbare Zeit seine Pforten. Seit genauso langer Zeit waren Annerose und Dieter Stöckle, zwar eingebunden in ein großes Team aber dennoch führend, das „Gesicht“ des Kellers. Zum Team gehören außer ihnen: Bernd Gölz mit Jenny und Lena, Angelika und Karlheinz Keller, Ruth Zauner, Rainer und Yvonne Siegrist, Elke Kärcher, Rainer Axtmann, Dorothee und Heiko Geigle und Monika Rinke. Die BNN blicken mit Dieter und Annerose zurück auf eine „lange, mitunter anstrengende, aber wunderschöne Zeit“. Annerose pflegte den Kontakt zu den Künstlern und übernahm die Moderation des Abends. „Besondere Highlights können wir eigentlich nicht herausheben“, sagt sie, „wenn neue Künstler zum ersten Mal da sind, ist das immer was Besonderes“. In der Zwischenzeit braucht sie nicht mehr einzuladen, umgekehrt: Die Künstler fragen bei ihr nach Auftrittsmöglichkeiten an. Über die Mund-zu-Mund-Propaganda hat der Ruf des „anderen keller“ weite Kreise gezogen und die Menschen, vor, hinter und auf der Bühne fühlen sich einfach wohl. „Unser dreiteiliges Konzept hat gegriffen“, sagen die Beiden, jeder der drei Teile sei gleichbedeutend wichtig. Dazu gehöre zu Beginn des Abends die persönliche Begrüßung der einzelnen Gäste, die sie Wertschätzung spüren lässt. Dann wird ein kleines, aber ausgesucht feines und jahreszeitlich abgestimmtes Essen gereicht, zu dem Dieter jeden Monat eine besondere Weinempfehlung ausspricht. Eine Stunde später beginnt das Programm. Es sind Künstler, die durch ausdrucksvolle Darbietungen Gesellschaft und Glauben hinterfragen. Dieter und Annerose Stöckle berichten von sehr vielen positiven Rückmeldungen aus dem Publikum. Viele E-Mails sprächen von „Hoffnung und Mut machenden Impulsen“. Andere sagen, die Kellerabende hätten sie „durch das Jahr getragen“. Auch die Künstler beteuern, wie sehr sie den Abend in der intimen Atmosphäre mit dem Publikum genossen hätten. Was diese Atmosphäre letztendlich ausmacht, sind Attribute wie: urgemütlich, inspirierende Musik, Gewölbekeller, Kabarett, pointierte Geschichten, leckere Köstlichkeiten, nette Leute, überraschende Klänge und mehr. „Wir blicken mit Wehmut zurück“, erklären Dieter und Annerose, „der keller war ein Teil meines Lebens. Aber es ist nicht zu ändern.“ Die evangelische und die katholische Kirchengemeinde arbeiten zusammen mit der politischen Gemeinde an einem neuen Konzept, was die Gemeindehäuser betrifft. Die bestehenden Immobilien weisen schwere Mängel auf. Aber noch weiß niemand, wann, wo und in welchem Umfang etwas Neues entstehen soll. Fest steht nur, dass der „andere keller“ für die nächsten Jahre so wie bisher nicht mehr stattfindet.

Das letzte Konzert
Aber ungeachtet aller Wehmut war das letzte Konzert noch einmal eine tolle Sache. So wie man es vom „anderen keller“ kennt. War es Zufall, dass gerade Stephan C. Thomas an diesem Abend im „anderen keller“ auftrat? Es sollte der letzte Abend nach einer langen Ära sein und viele Besucher hatten Annerose Stöckle gegenüber geäußert, wie sehr die musikalischen Botschaften in der Vergangenheit ihr Leben bereichert und wie oft sie „etwas mitgenommen“ hätten. Begleitet wurde Stephan Thomas von seiner Tochter Anastasia Thomas am Cello und Ingo Richter am Schlagzeug. Thomas, im Hauptberuf Schuldekan im evangelischen Kirchenbezirk Karlsruhe-Land, versteht es, den Menschen ins Herz zu blicken und auf den Punkt zu bringen, was jeden berührt. In seinem neuesten Programm „notorisch normal“ bringt er lebensbejahende und wortverspielte Songs. Er und seine Begleiter erzählten Geschichten, sagte er zum Publikum und steckte schon mitten in der ersten drin. Als Kind wollte er Klavier spielen. Spielen, nicht üben. Das habe sich so angehört: er griff in die Tasten und es klang nach Jazz. Nach Freude an Musik. Nach Leidenschaft und Unvoreingenommenheit. Nach Spielen und Abwarten, was herauskommt. Es folgten Geschichten von mangelndem Selbstwertgefühl und dem Weg daraus hinaus. Von einer Autofahrt, die nicht zum Ziel, sondern auf Umwege in einen tiefen, wunderbaren Wald führte. Plötzlich fielen Stress und Hetze ab, „zu spät kommen war egal“. Er erlebte den wunderbaren Moment „Einfach nur da zu sein“, an einem Ort, „wo Himmel und Erde sich berühren“. Der nächste Text ging um einen Sportwettbewerb, auf dem er vom Pech verfolgt schon auf verlorenem Posten stand, als er Menschen traf, die ihm sagten: „Gib noch nicht auf. Beweg Dich, solange es noch geht.“ Texte wie diese sind eine Wohltat, jeder kann sich auf sie einlassen. Sie machten den „anderen keller“ zu dem, weswegen so viele kamen. Am Klavier inszenierte der Künstler einen eingängigen gefühlvollen Pop, die Percussion gaben Kraft und Tiefe. Hatte das Cello meist die Aufgabe, den Sound mit warmem, innigem und ausdrucksvollem Klang anzureichern, trat es auch gelegentlich in den Vordergrund. Anastasia malte mit ihrem Instrument das Bild eines Schwans und mit wunderbarem Strich zeichnete sie sein majestätisches Gleiten über das Wasser. Der zweite Teil des Abends begann instrumental. Richter schlug auf dem Cajon einen harten Rhythmus an, Thomas folgte auf dem Piano mit einer packenden Improvisation. Doch schon im nächsten Stück war wieder alles anders: „Ein Choral als Gebet für die Erneuerung der Kirche“, der verhalten beginnt und nachdrücklich, geradlinig und kraftvoll endete. „So könnte Kirche auch sein“, sagte Thomas dazu. Wieder wurde es persönlich mit einem Blick auf seine „14-40-Krise“, dann folgte „Ich fange an, zu sterben“. Gemeint war, „sich langsam von dem zu verabschieden, was nicht mehr geht“.

Bericht: Gemeinde Weingarten, TBR